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Wie Pflanzenkohlenstoffe zum Ersatz von Kunststoffen und Baustoffen werden

Forst
Gewerbe
Industrie
Branchenübergreifend
03. Mai 2021
Ob Baumaterialien, Technik, Dämmung, Filtration, Verpackung oder Leichtbau. Die Anwendungsbereiche für Pflanzenkohlenstoffe sind vielseitig und können im Sinne der Kreislaufwirtschaft zum Game Changer rund um industrielle Nebenprodukte werden - auch in der Holzwirtschaft. Am 22. Juni findet dazu unser Technologie Round Table in Graz statt!

Interview

Torsten Becker, über 25 Jahre hatte der Dipl. Produktdesigner FH mit innovativen Produktentwicklungen von KMU zu tun. Seit 2013 ist er glühender Antreiber in Sachen Biokohlenstoffe. Die Leidenschaft des carbonauten gilt der Entwicklung neuer Produkte, Materialien und Anwendungen aus Biokohlenstoff. “Wir müssen groß denken und handeln, denn nur dann werden wir die Klimakrise beeinflussen können.”
Gerhard Soja arbeitet am AIT Austrian Institute of Technology GmbH und an der Universität für Bodenkultur Wien an Projekten zur Produktion und Anwendung von Pflanzenkohle. Aktuell beschäftigt er sich mit Einsatzmöglichkeiten nicht-pflanzlicher Reststoffe für die Pyrolyse zur Pflanzenkohleherstellung. Er ist Obmann des 2020 gegründeten „Österreichischer Verein für Biomasse-Karbonisierung – ÖBIKA“.

Was hat Biokohle mit Kreislaufwirtschaft zu tun und warum ergeben sich aus diesem Gedankenkonzept auch ökonomische Vorteile?
Gehard Soja: Die meisten in der Biokohle vorkommenden Elemente liegen gegenüber dem Ausgangsmaterial stark angereichert vor. Der Einsatz dieser Kohlen zur Wiedernutzbarmachung der darin enthaltenen Elemente ist daher ökonomischer als der Einsatz der ursprünglichen Materialien, wo diese Elemente wesentlich verdünnter vorgekommen sind. Dies gilt insbesondere für pflanzenrelevante Nährstoffe sowie für organischen Kohlenstoff, der insbesondere bei humusverarmten Böden Mangelware geworden ist.

Torsten Becker: Biokohlenstoffe aus Biomasseresten erfüllen zwei Aspekte der Kreislaufwirtschaft. Energetisch verwendet ermöglichen sie Biobrennstoffe mit nahezu CO2-neutralem Kreislauf. Stofflich genutzt ist es ein Ausschleusen von Kohlenstoff aus dem CO2-Kreislauf und Reduzierung von CO2 durch den Ersatz fossiler Materialien.

Was begeistert Sie an diesem neuen Rohstoff und worin sehen Sie den größten Nutzen in der Anwendung von Biokohle?
Gerhard Soja: Biokohle kann aus Materialien hergestellt werden, für welche es keine anderen sinnvollen stofflichen Nutzungen mehr gibt. Dies unterstützt sowohl die Strategie der kaskadischen Nutzung von Biomasse und hilft bei der Schonung kritischer Ressourcen. Den größten Nutzen von Biokohle sehe ich in der Unterstützung der Klimawandel- Bekämpfung, da unabhängig vom jeweiligen Anwendungsgebiet der Biokohle jedes darin langfristig gespeicherte Kohlenstoffatom nicht mehr als CO2-Molekül in der Atmosphäre treibhauswirksam werden kann.

Torsten Becker: Für mich ist Biokohlenstoff ein „Supermaterial“, dass neben der exzellenten Eignung in Landwirtschaft und Forstwirtschaft nun auch für technische Anwendungen als Ersatz von Kunststoffen und Baustoffen entdeckt wird. Biokohlenstoffe bewirken dabei neue Eigenschaften der Materialien und eine deutliche Verbesserung der CO2-Bilanz. Die Rohstoffe für Biokohlenstoff sind weltweit, günstig und unbegrenzt verfügbar. Es ergeben sich völlig neue Wertschöpfungsketten.

Was muss getan werden, damit Biokohle nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch in vielen anderen Bereichen unserer Wirtschaft Anwendung findet?
Gehard Soja: Je bewusster sich die Öffentlichkeit der Bedeutung des CO2-Fußabdrucks von Produkten und Tätigkeiten des täglichen Lebens für den Klimawandel wird, umso eher wird die Wichtigkeit von CO2-Fußabdruck-vermindernden Produkten und Produktionsweisen akzeptiert. Biokohle kann als Komponente sowohl von Massengütern in der Bauwirtschaft als auch für High-Tech-Produkte deren CO2-Bilanz günstig beeinflussen. Die Schaffung der erforderlichen Rahmenbedingungen in den Rechtsvorschriften und im Normungswesen sowie breite öffentliche Information würde den vielfältigen Einsatzformen von Biokohle breite Akzeptanz verschaffen.

Torsten Becker: Es braucht zunächst ein Verständnis bei der Industrie und Politik für die Vorteile von Biokohlenstoffen. Damit die erforderlichen Mengen und Qualitäten zu niedrigen Preisen hergestellt werden können, sind dezentrale, hocheffizient und wirtschaftlich attraktive Produktionsanlagen mit Nutzung der überschüssigen Erneuerbaren Energie erforderlich. Denn nur dann wird eine breite Akzeptanz bei den Anwendern erreicht. Biokohlenstoffe dürfen kein exklusives und teures Material bleiben. Es muss auch eine Zertifizierung für die Speicherung von CO2 erfolgen, denn je Tonne Biokohlenstoff werden bis zu 3,3 Tonnen CO2 dauerhaft gespeichert. Dies würde Investitionen für die Industrie attraktiv machen und für eine Verbreitung des Supermaterials sorgen.

Beispiel für neue Anwendungen

Holzpaletten werden am Lebensende meist verbrannt. Sie halten meistens nicht lange. Das Holz dieser Abermillionen Transportträger kann sinnvoller verwendet werden. Paletten aus Kunststoff kommen in Mode, da sie robuster und langlebiger sind. Aber durch den Umgang entsteht auch Mikroplastik, Herstellung und Entsorgung sind energieintensiv.

Werden Paletten aus NET Materials bei einer Beschädigung ausgemustert, können Sie rekarbonisiert und als Kohlenstoff in den NET Materials-Kreislauf zurückgeführt werden. So erhöht sich laufend die CO2-Senke.

Polyethylen ist einer der meistverwendeten Kunststoffe, da er viele gute Eigenschaften besitzt und billig ist. Hinsichtlich der Auswirkungen auf die Umwelt ist der Preis hoch.

Die Kombination eines biologisch abbaubaren Polymers mit Biokohlenstoff ist eine echte Alternative im Bereich der Verpackungen und Folien.

Weitere Beispiele auf der Webseite der carbonauten
Bildcredits: Carbonauten

Interesse an unserem Technologie-Round-Table?

Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme bei unserer Veranstaltung:

Termin: 22. Juni 2021
Uhrzeit: 15:00 – 17:00 Uhr
Ort: Lendhafen Graz
Lendkai 17, 8010 Graz

Alle Informationen und die Anmeldung hier

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